26.08.26

Nachruf

Mit Wolfram Hartmann ist eine große Persönlichkeit der Deutschen Pädiatrie im Alter von 81 Jahren gestorben. Wir trauern um einen Menschen, der sich um die Kinder- und Jugendmedizin in hohem Maße verdient gemacht hat.

Als junger Pädiater 1975 Mitglied des Berufsverbandes der Kinder- und JugendärztInnen Deutschlands geworden machte er zunächst seinen berufspolitischen Weg als Obmann (1978-2003), als Mitglied und Sprecher des Honorarausschusses (1993-2003), als Vorstandsmitglied (1993-2003) und zuletzt 12 Jahre lang als Präsident des BVKJ (2003-2015). Er zählte zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Ambulante Allgemeine Pädiatrie (DGAAP), die er von Anfang an stark unterstützte.

Sein berufspolitischer Werdegang war in den ersten Jahren eher auf der gewerkschaftlichen Seite der Berufsverbandes zu finden. Er bestach durch sein großes Wissen um die gesundheitspolitische Diskussion im Allgemeinen und die Positionen der Ärzteschaft im Konkreten zu den Leistungsziffern und konnte daher die nicht nur den ärztlichen, sondern auch die politischen Hintergründe der Leistungshonorierungen punktgenau erläutern.

Mit Beginn seiner BVKJ-Präsidentschaft wandelte sich sein wirtschaftspolitischer Schwerpunkt hin zu kinderpolitischen Themen. Im damaligen Vorstand gab es viele KollegInnen, die Themen wie Kinderrechte und Chancengleichheit in die Diskussion einbrachten. Wolfram Hartmann erkannte früh die damit verbundene Möglichkeit, den BVKJ nicht nur als vornehmlich wirtschaftlich orientiertes Interessensorgan in die gesundheitspolitische Debatte einzubringen. Der BVKJ wurde im Folgenden mehr und mehr als höchstseriöser Berater in vielen die rechtliche und soziale Situation der Kinder betreffenden Fragen wahrgenommen, fast schon als moralische Instanz. Kinderrechte und Chancengleichheit waren von nun an neben den gängigen Themen der jeweils aktuellen pädiatrischen Berufspolitik die beherrschenden Themen der von ihm vertretenen politischen Kindermedizin.

Er kritisierte zum Beispiel die in seinen Augen falsche Unterstützung der Politik in der Frage der nicht-medizinisch begründeten Jungenbeschneidung. Für ihn war sie eine Menschenrechtsverletzung. Er setzte sich für die Kinder aus sozioökonomisch bedrängten Verhältnissen ein, die – ausgestattet mit den gleichen Talenten und Fähigkeiten wie andere Kinder – durch eine mangelhafte frühkindliche Entwicklungsanregung ihre angeborenen Möglichkeiten nicht rechtzeitig entfalten können und zu einem viel zu großen Teil den Hauptschulabschluss nicht schaffen. Ein, wie er sagte, Unglück für die Kinder und die Gesellschaft, die ihre Talente nicht nutzen kann.

2015 ging die zwölfjährige Ära der BVKJ-Präsidentschaft von Wolfram Hartmann zu Ende. Das berufspolitische Standing des BVKJ, der in der Berliner Gesundheitspolitik wie auch auf Verbändeebene seither eine nicht mehr zu vernachlässigende Größe geworden war, trug in dieser Zeit und lange danach seinen Namen. Er war das prägende Gesicht unseres Berufsverbandes, wenn nicht sogar der Pädiatrie in Deutschland. Und ein berufspolitisches Schwergewicht, ein Türöffner, eine Autorität, die gehört wurde im politischen Berlin.

Er war immer jemand, der fest hielt an einmal erkannten Wahrheiten und Entscheidungen und auf Kurs blieb bei einmal gefassten Beschlüssen. Er war offen und ehrlich, wahrhaftig und bewegt von der Sache und nicht von persönlichen Eitelkeiten und dem Drang nach Selbstbestätigung. Keine biegbarer, allzu schmiegsamer Geist, sondern ausgestattet mit einer klaren Richtschnur und einem gesunden Kompass für die Pädiatrie und die Kindergesundheit. Darüber hinaus eine fast schon gerichtsverwertbare intellektuelle Instanz, mit gesundem Rechtsempfinden und obendrein der beneidenswerten Gabe ausgestattet, aus dem Archiv eines Elefantengedächtnisses schöpfen zu können.

Er war als Präsident und Persönlichkeit ein echtes Vorbild, einer der voranging und dem man gerne folgte. Er war sicher eine herausragende Persönlichkeit, die die politische Kindermedizin in Deutschland geprägt hat.

Hinter der eisernen Verbandsräson und -disziplin, die er stets auch mit seiner überkorrekten Kleidung mit Krawatte verkörpert hat, verbarg sich ein sensibler, verletzbarer und hochintelligenter Mensch mit großer Wachheit und Offenheit, einem feinen Sinn für Humor, aber auch mit sichtbaren Zeichen der Einkehr und des Zweifels, wenn es Konflikte und Brüche gab.

In den letzten Jahren hat ihn, selbst schwer erkrankt, der Tod seiner Frau Gisela, die er zuhause bis zu ihrem letzten Tag gepflegt hat, tief getroffen und seinen zuvor unverwüstlichen Lebensmut arg geknickt. Dennoch war er bis zuletzt in Videokonferenzen in dem von ihm mitbegründeten Deutschen Kinderbulletin mit dabei, wenn es um den Themenbereich und die Verbesserung der Lebenssituation sozial benachteiligter Kinder ging.

Fegeler U, Fehr F, Rodens K

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